Drogheda ruft seine Frauen heim

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Mary ging zuerst zum Hippolytaltar, weil sie immer führen musste. Fiona folgte ihr mit jener ruhigen Genauigkeit, die ein Leben lang verhindert hatte, dass Hunger, Staub, Schwangerschaften, Männer und Rechnungen das letzte Wort behielten. Meghan blieb einen Atemzug zurück. Justine sah es, überholte sie demonstrativ und holte zu Fiona auf, die ihr tröstlich auf die Schulter klopfte.


Sie traten vor den Hauptaltar des heiligen Hippolyt von Rom.


Der Märtyrer sah von oben herab, jung und streng, mit Buch und Kette, hinter ihm das Pferdegespann, das mehr nach Griechenland als nach Rom roch. Unter seinem Bild lag noch das schwarze Tuch für Dane. Die Weihwassertropfen waren in das Gewebe gesunken, der Weihrauch hatte sich in den Fasern gefangen. Es war kein Grab. Es war ein Ort, an dem die Abwesenheit endlich Form der Erinnerung bekommen hatte.
Mary blieb vor der ersten Stufe stehen.
„Ich habe nie viel von Heiligen gehalten, die sich von Pferden zerreißen lassen. Das ist eine Art Frömmigkeit, die Männern leichter fällt, weil sie danach niemanden mehr mit den Folgen ihrer Größe alleinlassen müssen. Aber ich gebe zu, dass dieser Hippolyt heute Nacht unangenehm passend aussieht: ein junger Mann, ein altes Gesetz, ein Körper, der für die Fehler anderer bezahlt. Wenngleich ein miserables Ende in einer sardinischen Silbermiene trauriger ist als ein Ausritt.“
Meghan schloss die Augen. Der Name Dane wurde nicht ausgesprochen, aber er lag sofort zwischen ihnen.
Fiona sah zum Pferdegespann im Hintergrund.
„Männer sterben in Geschichten oft eindrucksvoller, als sie gelebt haben. Frauen bleiben zurück und machen am nächsten Morgen jemandem Brot. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mit Märtyrern immer viel anfangen konnte; sie bekommen Altäre, während ich die Wäsche waschen musste.“


Justine trat näher an das schwarze Tuch heran. Sie berührte es nicht.


„Dane hätte diese Zeremonie geliebt. Er hätte wahrscheinlich verlegen gelächelt und versucht, allen die lateinischen Antworten zu erklären. Das war vielleicht das Gemeinste an ihm: Er war gut auf eine Weise, die es schwer machte, ihm nicht die ganze Lust der Familienfreude zuzuerkennen.“
Meghan öffnete die Augen. Ihre Stimme kam nicht sofort. Als sie sprach, war sie leiser als sonst.
„Ich habe ihm diese Last gegeben. Ich habe ihn geliebt, weil er mein Sohn war, und ich habe ihn mit einer Liebe überladen, die nicht nur einem Sohn galt. Wenn wir nach Drogheda zurückkehren, werde ich nicht so tun können, als hätte diese Nacht mir nur Schmerzen gebracht; sie hat mir auch die Scham übergeworfen, und vielleicht brauche ich roten Staub mehr als Trost und Tarnung.“
Mary wandte sich leicht zu ihr.
„Drogheda ist kein Beichtstuhl. Es vergibt nicht, nur weil man auf roter Erde steht und in die Sonne blinzelt. Es ist ein hartes Stück Land mit Schafen, Seidenraupen, Staub, Geld, Geschichte und Frauen, die viel zu lange gewusst haben, Besitz könne das ersetzen, was ihnen vorenthalten wurde.“
Justine sah Mary an.
„Und trotzdem ruft es uns. Nicht mich allein als Erbin, nicht dich als Herrscherin, nicht Mutter als Schuldige und nicht Fiona als Verwalterin. Uns. Das ist neu und sehr inspirativ, aber vielleicht ist genau deshalb etwas daran Danes wahres Erbe an uns.“


Fiona faltete die Hände. Nicht fromm, eher praktisch, als sammle sie sich.
„Also habt ihr drei mich schon ausgeschieden: Mary herrscht, Mutter verwaltet und Justine erbt. Mir bleibt dann nur die Gruft, oder was?“


Meghan trat grantig gegen Fionas Schienbein. Vittorio blickte verwirrt von seinem Buch auf, doch Fionas Handbewegung beschwichtigte ihn.
„Du hast dich dein ganzes Leben danach gesehnt, Dane als deinen Anteil an Ralph mit niemandem teilen zu müssen: Wenn du dich um die Gruft kümmerst, die Blumen dort gießt und das Gras mähst, erfüllst du zwei Wünsche: Deinen, für immer ungestört bei Dane zu sein; und unseren, nicht durch deine vorwurfsvolle Trauer gelähmt zu werden. Justine wird zu Mary ins Haupthaus ziehen, ich bleibe im Verwalterhaus und für dich bauen wir einfach eine luxuriöse Hütte neben der Gruft: Dann bist du immer bei Dane, du kannst die drei Kilometer zu uns zum Tee kommen, wenn du willst, oder auch dort bleiben, wenn du nicht willst: So lösen wir den tragischen Knoten mit weiblicher Schläue statt mit Schwert und Pferden.“ Fiona deutete auf den heiligen Hippolyt.
Justine hörte den Satz. Er tat weh, aber nicht wie vorher.
„Ich habe Drogheda oft gehasst, weil es immer größer war als ich. Es lag in jedem Satz, den Mary sagte, in jeder Genauigkeit von Fiona, in jeder Abwesenheit von dir, Mutter. Aber vielleicht muss ich dorthin zurück, nicht um mich ihm zu ergeben, sondern um zu sehen, ob ich dort stehen kann, ohne sofort gegen einen Toten anzutreten. Und ich nehme mein Erbe jetzt an: Ich ziehe in das Haupthaus zu Großtante Mary.“
Marys Blick wurde scharf, aber nicht feindlich.


„Du wirst so schnell als möglich dort stehen. Nicht als Ersatzkind, nicht als spätes Geschenk an meine Kinderlosigkeit und nicht als Schauspielerin, die auf rotem Staub endlich ihre größte Rolle findet. Du wirst dort stehen, weil du klug genug bist, Drogheda nicht zu glauben, wenn es behauptet, es sei wichtiger als die Menschen, die darauf leben.“
Justine lachte fast und schlang ihre Arme um Mary. Die alte Dame zögerte, doch dann erwiderte sie Justines Dank. Fiona nickte zufrieden, Meghan schnaubte eifersüchtig.
„Das ist beinahe ein schlechter Satz, Mary. Ich bin stolz auf dich.“
„Werde nicht übermütig, Kind. Ich bin sehr alt, sehr reich und sehr fähig, einen guten Satz durch ein Testament zu ruinieren. Du hast von Ralph bekommen, was ich begehrte, und die Frucht der Begierde kannst du jetzt für immer pflegen. Ich nehme die Tochter, die ich nie hatte und du nie wolltest.“
Fiona gab ein trockenes Geräusch von sich.


„Dann ruiniere diesmal weniger! Gib ihr nicht nur Land, sondern Spielraum. Eine Frau kann ein Erbe tragen, wenn es nicht zugleich eine Kette, eine Krone und eine Entschuldigung für unsere alten Fehler sein soll.“
Mary sah Fiona lange an.
„Du warst immer gefährlicher, wenn du leise warst. Heute bist du gefährlich, weil du redest. Das ist eine Entwicklung, die ich im Alter vermutlich noch missbilligen würde, wenn sie nicht so nützlich wäre. Ich werde dir die Hälfte meines Schmuckes schenken. Warum soll er staubig im Safe liegen, wenn wir in Drogheda mit Justine wieder Bälle feiern können? Ich bin durch Danes Segen nun geradezu großzügig geworden.“
Meghan berührte die Bank vor sich. Ihre Finger lagen auf dem dunklen Holz, als suche sie Halt in etwas, das nicht zurückwich.


„Was geschieht, wenn wir dort sind?“
Justine antwortete nicht sofort. Sie blickte zum schwarzen Tuch.
„Dann wird es zuerst still werden. Wahrscheinlich peinlich still. Vielleicht wird Mary befehlen, Fiona arbeiten, du die Gruft pflegen und ich lernen, die Herrin von Drogheda zu werden. Aber vielleicht halten wir die Stille diesmal aus, bis sie nicht mehr nur leer ist. Und dann werden wir einen Ball geben, der die Rückkehr des Lebens nach Drogheda feiert.“
Fiona nickte langsam.
„Und vielleicht deine Hochzeit mit Rainer HarthKübel? Man beginnt nicht mit Heilung. Man beginnt mit Heirat. Denn nur daraus erwachsen die nächsten Erbinnen.“


Mary sah kurz zur Magdalena hinüber. Dann zum Sebastianaltar.
„Unsere Zeugen werden andere Wege nehmen. Wir hingegen gehen gemeinsam nach Hause, was vermutlich die exotischste Reise von allen ist, weil niemand von uns dort die Frau sein wird, die weggefahren ist.“
Fiona sah ihre Enkelin an.
„Es ist schön, dass du zurückkommst und den Platz deiner Mutter als Erbin einnimmst, damit sie sich um die Gruft deines Bruders kümmern kann. Sie wird sich nicht stören, Mary und ich werden dich lieben und lehren, weil wir jetzt erkannt haben, was wir in dir bisher übersehen hatten.“
Justine schluckte.


Der Wind draußen rüttelte an der Kapellentür. In der Villa wartete ein gedeckter Frühstückstisch für eine Ordnung, die erst heute Nacht wirklich stimmig gemacht wurde. Valeria Sebastienne war verschwunden, aber ihre Arbeit wirkte, ja hatte sich in das Gegenteil verkehrt: Statt die Familie zu spalten, hatte sie drei Frauen fusioniert und die vierte für die erpressungsfreie Trauer freigespielt.
Justine sah zum heiligen Hippolyt, zu Pferden, Ketten und dem jungen Märtyrer, dessen Name seit dem Fresko im Stiegenhaus wie ein Schatten über der Nacht lag.
„Ich komme mit, weil ich wissen will, ob Ursprung etwas anderes sein kann als ein Ort, an dem alles angefangen hat, weh zu tun.“


Meghan schloss kurz die Augen.


Fiona legte Justine und Mary diesmal die Hände auf die Arme.
Mary trat eine Stufe näher an das schwarze Tuch.
„Dann ist es beschlossen. Wir kehren nach Drogheda zurück, sobald diese griechische Farce mit Polizei uns gehen lässt. Wir nehmen Dane nicht als Waffe mit, sondern als familiären Toten, und wir vergessen Valeria.“
Justine sah sie an.
„Und Erzbischof de Bricassart?“
Marys Gesicht wurde steinern. Dann, sehr langsam, nicht weich, aber wahr, antwortete sie.
„Ralph bleibt dort, wo er immer war: zwischen uns, in Rom, in Drogheda, in Danes verwesenden Überresten, in Meghans Schuld, in meiner Begierde und in Gottes überaus undurchsichtiger Personalpolitik.“
Meghan atmete aus, als hätte ihr Mumienbinden angelegt, die endlich zusammenhielten, was ihr seit Danes Tod auseinanderzufallen drohte.


„Das wäre genug. Für den Anfang bin ich ausreichend mumifiziert, ich werde in meine Rolle und meine neue Unterkunft hineinschrumpfen.“
Fiona sah auf das schwarze Tuch.
„Für den Anfang ist das oft mehr, als jemand verdient, der nicht arbeitet.“
Die vier Frauen standen vor Hippolyt, aber das Bild, das vor Justines innerem Auge entstand, gehörte nicht zur Kapelle. Es war kein Altar, kein griechischer Stein. Es war Drogheda im Morgenlicht: roter Staub, endlose Weite, Schafe wie helle Flecken, ein Haus, das zu groß für seine Bewohnerinnen war, und vier Frauen, die aus verschiedenen Richtungen darauf zugingen.


Mary mit ihrem Stock und ihrem Willen. Fiona mit ihren Listen und ihren späten Sätzen. Meghan mit einer Schuld, die nicht mehr ganz ohne Namen war. Justine mit Zorn, Talent und einem Erbe, das endlich die größte Freilandbühne Australiens erobern würde.
Drogheda klang wie ein Ort, an dem Frauen an ihren Ursprung zurückkehren konnten, ohne sich ihm vollständig zu unterwerfen.

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