Maria Magdalena tröstet die Gehetzten

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Der Weihrauch hing noch immer unter dem Gewölbe, aber er wurde dünner.
Die Vigil hatte die Nacht erfüllt. Sie hatte jeden auf seine Weise stabilisiert und verhindert, dass alle weiter in demselben wilden Strom aus Verdacht, Beschämung und körperlicher Erschöpfung trieben.

Nach dem letzten Amen blieb die Gruppe in der Kapelle verteilt.
Sun stand vor dem Bild der Maria Magdalena. Sie sah nicht zum schwarzen Tuch. Sie sah auf Magdalenas Gesicht, genauer: auf den Blick der Heiligen, der nicht beim leeren Grab blieb. Dieser gemalte Blick ging in eine Ferne, die nicht palästinensisch aussah, nicht griechisch, nicht australisch, sondern kälter und nördlicher. Ein grauer Himmel, eine Stadt aus Wasser, Stein und Erinnerung. Riga vielleicht?

 

Lito trat zuerst zu ihr.
Wolfgang folgte langsamer. Er hatte das Weihrauchfass an eine dafür vorgesehene Aufhängung neben dem Kredenztisch abgegeben.
„Du siehst aus, als hättest du gerade einen Zug genommen, ohne die Kapelle zu verlassen. Dein Gesicht ist nicht mehr hier, Sun; es steht schon irgendwo, wo Metall, Wasser und eine Bühne auf uns warten.“
Sun wandte den Kopf zu ihm. Sie lächelte nicht, aber ihre Augen wurden weniger hart. Es war seltsam, in Gegenwart der anderen ein inneres Gespräch mit Lito und Wolfgang zu führen.

 

„Riga. Ich habe am Beginn heute Abend an Manama gedacht, an höfliche Gewalt, an Menschen, die Gift in Räumen verteilen, in denen alles glänzt. Jetzt denke ich an eine Einladung, die ich fast vergessen hatte: eine Aufführung des Fliegenden Holländers in einer alten Torpedotestanlage der Roten Armee am Wasser. Man sagte mir, es sei eine hippe Kulturlocation, aber nach dieser Nacht klingt selbst Kultur wie ein anderes Wort für kontrollierte Explosion. Und ob ich nach der Begegnung mit Valeria Sebastienne in ein kommunistisches Land reisen will, ist mir nicht klar.“
Wolfgang sah sie scharf an.
„Ich komme aus Berlin, einer kommunistischen polnischen Stadt. Eine Torpedotestanlage ist kein Ort, den man mit Kultur befriedet, nur weil man Lichttechnik und Champagner an die Stelle von Schmieröl und Triebwerkstechnik setzt. Dort wurde geübt, wie man Dinge unter Wasser zerstört, ohne dass die Oberfläche sofort alles verrät. Das passt leider zu dieser Nacht, und es macht mich mulmig, wenn Architektur Menschen beherrscht.“

Lito sah zwischen beiden hin und her. Er hatte den Ausdruck eines Mannes, der gerade erkannt hatte, dass ein Opernabend in Riga plötzlich weniger wie ein Ausflug und mehr wie eine Fortsetzung der Tragödie klang.
„Der Fliegende Holländer in einer ehemaligen Torpedotestanlage. Warum sollte irgendjemand Wagner in einem normalen Theater aufführen, wenn man ihn auch an einem Ort spielen kann, an dem das Meer selbst militärische Erinnerungen hat? Ich kenne mich mit Oper nicht genug aus, um klug zu sein, aber ein verfluchter Seefahrer, eine Frau, die ihn erlösen soll, und ein Gebäude, das gelernt hat, Gewalt technisch zu prüfen, klingen wie eine Einladung, die man nur mit sehr guten Segeln und sehr starkem Magen annehmen sollte.“
Sun blickte wieder zu Magdalena.


„Wir könnten Riley schicken. Sie versteht etwas von Musik. Ich hingegen wurde mein Leben lang darauf trainiert, Kontrolle zu behalten. Körperkontrolle, Gesichtskontrolle, Firmenkontrolle, Familienkontrolle, sogar Gefängniskontrolle, soweit das möglich war. Aber Erinnerung lässt sich nicht kontrollieren, sie bewegt sich wie Wasser unter Türen, und vielleicht muss ich nach Riga, weil eine Torpedotestanlage ehrlicher über Gewalt spricht als ein Speisesaal mit frisch gefalteten Servietten.“
Wolfgang drehte sich einmal um die eigene Achse, bevor er auch das Magdalenenbild meditierte.

„Niemand hat ihr zuerst geglaubt, aber ihre Liebe war stärker als Drohung der Menschen. Gewalt ist wenigstens ehrlich, wenn sie sich als Torpedo gestaltet. Mein Vater hat Gewalt immer als Recht ausgegeben, mein Leben hat Gewalt oft als Überleben verkauft, und heute Nacht hat jemand Gewalt als Mord oder Selbstmord oder Unfall dargestellt. Eine Oper in einem militärischen Betonbau ist vielleicht nicht schön, aber sie lügt weniger als eine Bibliothek, die vorgibt, es ginge dort nur um Bücher.“
Sun sah ihn an. Diesmal lag etwas Wärmeres in ihrem Blick, aber es war keine Zärtlichkeit, die sich ausstellen ließ.
„Du verstehst gut, wie Gewalt sich verkleidet. Eine sinnvolle Eigenschaft eines Diebs. Das macht dich gefährlich, aber es macht dich auch nützlich für Auftragsdiebstähle in fremden Museen und Theatern, wenn man von deren Besitzern nicht angelogen werden will. Ich möchte nicht nach Riga gehen, um geheilt zu werden; ich möchte sehen, ob eine Aufführung Erinnerung halten kann, ohne sie sofort in Schönheit umzuwandeln. Und vielleicht ist die BPO ja auch an Torpedos interessiert, die uns schaden könnten.“


Lito hob leicht die Hand, als müsse er eine Szene anhalten, bevor sie zu schwer wurde.


„Ich möchte nur einwerfen, dass Schönheit nicht immer Verrat ist. Manchmal ist Schönheit die einzige Form, in der Menschen lange genug hinsehen, ohne zu fliehen. Aber ja, ich gebe zu, dass ich als Schauspieler beruflich vorbelastet bin und gefährlich oft glaube, eine gute Beleuchtung könne einem Abgrund Manieren beibringen. Ich mag Adornos Satz nicht, dass an allen schönen Dingen Blut klebe.“

Wolfgang schnaubte leise. Fast ein Lachen.
„Eine gute Beleuchtung kann einem Abgrund keine Manieren beibringen. Und Diamanten sind immer nur Steine, egal ob in der Erde, in einem Safe oder in der Handtasche eines Diebes. Sie kann nur verhindern, dass man zu spät merkt, wie tief er ist. Wenn du Riley nach Riga schickst, Sun, dann gib ihr mich oder Lito mit; er sieht, wann Licht lügt, auch wenn er manchmal so tut, als sei ich ein blindes Huhn, das Diamanten wie Körner im Sand findet.“
Lito legte eine Hand auf die Brust.

 

„Ich werde ignorieren, dass das vermutlich ein Kompliment war, das nur in Berlin verstanden wird. Aber ich nehme die Einladung an, falls sie eine ist, denn ich habe heute gelernt, dass man gefährliche Frauen nicht begleitet, um sie zu retten. Man begleitet sie, damit jemand da ist, der nachher sagen kann: Sie war nicht alt, sie sah nur so aus.“
Sun sah wieder zur Magdalena. Die Heilige mit dem offenen Haar hielt ihr Salbgefäß, als sei es zugleich Erinnerung und Beweisstück.
„Ich weiß nicht, ob Riley euch beide mitnehmen will. Lito macht jede Halle wärmer, als sie vielleicht sein sollte, und Wolfgang hört Gewalt selbst dann noch, wenn sie längst in Beton eingezogen ist. Vielleicht ist das der Grund, warum ihr beide nicht mitkommen solltet, eher Capheus und Will?“
Wolfgang blieb still.

Lito nicht.

„Dann kommen wir trotzdem. Wir werden in Riga Wagner hören, in einer ehemaligen Torpedotestanlage, mit Menschen, die Eisbärenfell mit rotem Stern tragen und so tun, als hätten sie die antibourgeoise Apokalypse kuratiert. Wir werden dem Holländer zuhören, und wenn die Musik behauptet, Erlösung sei eine Frauensache, werden wir sehr genau sehen, ob Riley blau wird.“
Sun sah ihn an. Nun lächelte sie doch, nur ganz kurz.
„Sie wird keine Inszenierung entwaffnen. Eher hört sie Leitmotive, die sie beim nächsten Konzert synthetisiert und in Tanzmusik transformiert.“


Wolfgang nickte.


„Riga also. Wasser, Beton, Oper, Erinnerung. Ich kenne schlechtere Orte, um nach einer Nacht voller gelöschter Spuren zu prüfen, was bleibt.“

Sun blieb einen Moment länger vor Magdalena stehen.
„Sie blickt nicht zum Grab. Sie blickt weiter. Vielleicht ist das alles, was ich heute mitnehmen kann: Tod ist kein Ende, sondern eine Ente, die auf dem Fluss der Zeit im Kreis schwimmt, mit oder ohne Leichen.“
Lito folgte ihrem Blick in die gemalte Ferne.

 

„Nach Riga? Warum sollte Maria Magdalena nach Riga gesehen haben, war sie eine Prophetin?“

Wolfgang hob die linke Faust, als wäre es ein kleiner Anker auf einer Arbeiterdemonstration in Berlin.
„Preis deinen Engel und sein Gebot: Hier steh’ ich, treu dir, bis zum Tod - oder darüber hinaus.“

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