Es rudert in der Grotte

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Während in der Kapelle die Kerzen noch brannten und die Lebenden sich unter Heiligenbildern Zukünfte ausmalten, ging Bianca durch den rückwärtigen Gang der Villa, als habe sie nur vergessen, einen Korb Wäsche zu holen.
Sie trug nicht mehr die weiße Schürze.
Das war vielleicht die auffälligste Veränderung, und zugleich die unauffälligste. Ohne Schürze war sie nicht mehr die Haushälterin, die Brot brachte, Teller räumte, Laternen hielt und mit ruhiger Genauigkeit dafür sorgte, dass niemand fragte, wer eigentlich alle Schlüssel besaß. Sie trug nun einen dunklen Trainingsanzug, feste Schuhe und über dem Arm einen Mantel. Ihr graues Haar war so streng gesteckt wie zuvor, aber die Strenge wirkte nicht mehr dienend. Sie wirkte militärisch.


Im Speisezimmer blieb sie kurz stehen.
Der Frühstückstisch war vollkommen.
Plätze für Contini und die Cleary-Frauen. Keine Spur der anderen. Keine Spur der Bombé surprisè, keine Spur der leeren Mokkatassen, in denen man Spuren eines französischen Schlafgiftes finden könnte. Bianca sah den Tisch an und lächelte.
Es war kein warmes Lächeln.
„So einfach ist Ordnung“, sagte sie leise. „Man deckt nur für jene, die in der Geschichte vorkommen sollen.“
Dann ging sie weiter.


Im Gang öffnete sie eine niedrige Tür, die hinter einem Wandteppich lag. Kein Gast hätte sie bemerkt. Vielleicht nicht einmal Contini selbst, der als Kind in diesem Haus gespielt hatte und doch nie alle Wege eines Hauses kannte, das von anderen geputzt wird. Sonst hätte er gewusst, dass eine Wäscherutsche vom Schlafgang in das Erdgeschoss führte und über die es ein Leichtes war, die Betäubten herunterrutschen zu lassen, ohne sie über die verletzenden Stufen zu schleifen. Bianca kannte sie alle: den Gang zur Vorratskammer, die zweite Treppe zur Waschküche, die Luke hinter der Bibliothek, den schmalen Zugang zur Felswand, wo alte Abfälle früher achtlos als Fischfutter hinuntergelassen worden waren.
Der Weg war dunkel, aber ihre Hand fand jede Kante. Drei Stufen hinab, eine schmale Biegung, dann der kalte Atem des Felsens. Von draußen kam Wind, aber gedämpft, als dringe er durch einen langen Hals in den Bauch der Insel. Das Haus über ihr lag nun fern. Die Kapelle noch ferner. Die Stimmen der Betenden erreichten diesen Gang nicht.
Unten öffnete Bianca eine zweite Tür.
Dahinter lag die Grotte.
Das Meer schlug langsam gegen den Felsen, schwarz, schwer, geduldig. In der kleinen natürlichen Höhlung hing der Geruch von Salz, Tang, altem Holz und Öl. Ein schmales Boot lag dort, halb im Schatten, mit zwei Rudern, einem kleinen elektrobetriebenen Außenbordmotor und einer Plane. Neben dem Boot lag ein Bündel, in dunkles Segeltuch gewickelt und mit zwei Eisenstücken beschwert.
Bianca blieb davor stehen.
„Sie hätten weniger schreien sollen, Signorina Sebastienne, und vor allem nicht meine Pläne auf dieser Insel stören.“
Das Bündel antwortete nicht.


Bianca kniete sich hin, prüfte die Knoten und zog das Segeltuch an einer Stelle zurecht, an der ein blasser Streifen Haut sichtbar geworden war. Ihre Bewegungen waren nicht hastig. Sie waren auch nicht grausam im leidenschaftlichen Sinn. Sie waren sorgfältig. Das war schlimmer.
„Sie wollten mit Erbinnen spielen, mit Priestern, Banken, Schauspielern und diesen australischen Frauen, die schon ohne Sie ausreichend beschädigt waren. Sie wollten Drogheda in Brand setzen und daran die Hände der Arbeiterinnen wärmen, um sie zu verführen. Das war ehrgeizig, aber Ehrgeiz ohne Ortskenntnis ist nur sinnloser Lärm.“
Sie hievte das Bündel mit überraschender Kraft ins Boot.
Valeria Sebastienne war nicht schwer genug, um Bianca Mühe zu machen, und doch schwer genug, um im Wasser endgültig zu werden.
Bianca stieg ein, löste die Leine und stieß sich mit einem Ruder von der Felswand ab. Das Boot glitt aus der Grotte hinaus, langsam zuerst, dann sicherer, als die kleine Strömung es erfasste. Über ihr lag die Insel mit Villa, Kapelle und Fenstern, in denen Kerzenlicht zitterte. Von oben hätte niemand das Boot sehen können. Wer zur Kapelle blickte, sah nur den Wind. Wer zum Meer blickte, sah nur Dunkelheit.
Sie ruderte ohne Eile.
Erst draußen, wo die Felsen die Grotte verdeckten, stellte sie den Motor an. Er kurbelte sich leise zu einem murmelnden, niedrigen Summen. Bianca hielt das Boot nahe an der Küste, an der ihr der Luchs neugierig nachschaute, bis sie eine Stelle erreichte, an der das Wasser tiefer wurde und die Strömung hinauszog.
Dort stellte sie den Motor ab.


Das Meer wurde wieder groß.


Bianca nahm das Bündel bei den Seilen und zog es zum Rand. Für einen Moment lag Valeria halb über der Bordkante, ein dunkler Sack mit menschlichem Gewicht. Dann kippte sie.
Das Wasser schluckte sie ohne Aufschrei.
Die Eisenstücke zogen sie hinab. Ein Kreis entstand, brach, verschwand. Keine Hand, kein Haar, kein Kleidungsstück tauchte wieder auf. Nur eine kleine dunkle Bewegung unter der Oberfläche, dann nichts.
Bianca sah zu.
„So“, sagte sie. „Jetzt sind Sie endlich konsequent: Das Meer ist ein unprivatisierbares Kollektiv.“
Sie wischte sich die Hände an einem Tuch ab, warf auch dieses ins Wasser und setzte sich wieder. Dann nahm sie aus der Innentasche ihres Mantels ein kleines Funktelefon. Es war nicht neu, aber zuverlässig, und es gehörte nicht zur Villa.
Sie wartete, bis die Verbindung stand.
„Drax“, sagte eine Männerstimme.
Bianca sah zur Insel zurück. Die Kapelle stand hell vor der Dunkelheit, ein kleiner, frommer Fleck über einem Haus, das sie in wenigen Stunden in eine Legende verwandelt hatte.
„Hier Bianca. Der Versuch mit Sebastienne ist fehlgeschlagen. Sie war laut, gierig und weniger kontrollierbar, als Ihre Leute behauptet haben. Sie hat die Cleary-Frauen tatsächlich erreicht, aber nicht gebrochen; im Gegenteil, sie haben sich zusammengesetzt wie altes Silber nach einem Brand.“
Am anderen Ende schwieg Hugo Drax einen Moment.
„Und die Unterlagen?“


„Unbrauchbar für direkten Zugriff. Carson ist zu wachsam, Cleary zu praktisch, O’Neil zu gefährlich begabt und Cleary-O’Neil zu sehr in ihrer Trauer befestigt. Sebastienne hätte vielleicht einen Skandal erzeugt, aber keinen belastbaren Übergang von Besitz. Ihre Drogheda-Ansprüche waren juristisch wertlos, wie erwartet.“
„Dann war die Operation Zeitverschwendung.“
Bianca lächelte.
„Nein. Wir wissen jetzt mehr. Drogheda bleibt nicht nur ein Anwesen; es ist ein Mythos von Seidenraupen und Schafen, und Mythen lassen sich nicht durch eine anarchistische Erpresserin aufbrechen. Man muss sie umleiten. Sie brauchen keinen Anspruch auf das Land, wenn Sie die Regierung, die Technik und die Zukunft auf Ihre Seite bringen.“
Drax’ Stimme wurde kühler.
„Die seltenen Erden?“
Bianca blickte auf das Meer.
„Dort, wo die Voruntersuchungen sie vermuten lassen. Drogheda hat Vorkommen, die für Ihre Raketenprogramme interessant bleiben, und die Carson-Cleary-Familie wird sie nicht freiwillig freigeben.“
Drax lachte leise.


Bianca legte eine Hand auf den Motor.


„Sebastienne ist entsorgt. Die Gäste werden bis Morgen an Geister, Häuser, Luchse und göttliche Warnungen denken. Die Polizei wird keinen Körper finden. Das Haus ist gereinigt. Das Frühstück steht.“
„Und Sie?“
„Ich verschwinde vor Sonnenaufgang. Ich war nie wichtig genug, um erinnert zu werden.“
Diesmal lächelte sie breiter.
„Das war immer meine beste Eigenschaft.“
Drax schwieg wieder. Dann sagte er: „Melden Sie sich, wenn Sie Athen erreichen.“
„Natürlich.“
Bianca beendete die Verbindung.
Sie startete den Motor erneut und fuhr weiter von der Insel weg. Hinter ihr lag die Villa, makellos, höflich, voller Menschen, die glaubten, sie hätten in dieser Nacht das Chaos für einen Moment durch Liturgie gebändigt. Vielleicht hatten sie das sogar. Bianca gönnte es ihnen beinahe. Menschen brauchten solche Augenblicke, um nicht zu begreifen, wie leicht sie bewegt werden konnten, wenn jemand ihre Tassen, ihre Betten und ihre Schlüssel kannte.
Der Wind frischte auf.
Oben bei der Kapelle ging eine Tür auf. Eine kleine Gruppe trat heraus, zu weit entfernt, um Gesichter zu erkennen. Bianca sah nur dunkle Gestalten im Kerzenrest, Frauen, Männer, Menschen, die sich aneinander hielten oder es wenigstens versuchten.
Dann glitt das Boot hinter einen Felsvorsprung.
Die Kapelle verschwand.


Die Villa verschwand.


Nur das Meer blieb, und das Geräusch des Motors, leise genug, um nicht wie Flucht zu klingen.
Bianca fuhr nach Osten.
Unter ihr sank Valeria Sebastienne in die schwarze Tiefe, und irgendwo jenseits von Australien wartete Drogheda, roter Staub über seltenen Erden, Frauen über einer Mine, ein Mythos über Raketenmetall.
Bianca lachte nicht laut. Die Nacht lachte für sie.

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