Sebastian verzeiht den Eitlen

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Auf der rechten Seite der Kapelle blieb Sebastian im Kerzenlicht stehen, schön, durchbohrt und erstaunlich geduldig.
Brian hatte das kastanienfarbene Kissen inzwischen aufgegeben und hielt es nur noch vor sich, weil es ihm gegeben worden war und weil eine alte katholische Kapelle selbst ihm eine Grenze setzte. Emmett war weiter in seinen Teppich gehüllt, etwas weniger wie ein reuiger Ozelot, mehr wie ein Mann, der gelernt hatte, dass Würde manchmal aus Stoffresten und guter Körperhaltung besteht. Justin stand zwischen ihnen, vollständig bekleidet und dadurch beinahe überlegen.
Sie warteten, bis die Stimmen beim Hippolytaltar leiser wurden. Vor Sebastian blieb für die drei Männer eine andere Zukunft übrig: Sonne, Körper, Kunst, Werbung, Scham und das unangenehme Talent, schlechte Entscheidungen nicht sofort zu bereuen.

 

Justin betrachtete den Heiligen.


„Er sieht aus, als hätte ihn jemand für ein Plakat entworfen und danach vergessen, dass er Schmerzen haben soll. Das ist wahrscheinlich unfair, aber ich kann gerade nicht anders sehen, weil diese ganze Nacht aus Bildern besteht, die mich wie Pfeile durchbohren. Sebastian steht da, schön und verletzt, und ich frage mich, ob Schönheit manchmal nur die höflichste Form ist, eine tödliche Verletzung zu überleben.“

Brian sah zu ihm hinüber.

„Ich nehme an, das ist der Moment, in dem du aus meinem nackten Zustand, Emmetts Teppich und einem Märtyrer mit sehr guter Körperlinie eine größere Wahrheit malst. Du darfst das tun, weil ich dich liebe und weil mir gerade die Mittel fehlen, deine Schwärze zu stoppen. Aber bevor du zu poetisch wirst: Ich habe Mist gebaut, ich weiß es, und mein Kopf tut zu sehr weh, um daraus die Werbung für einen griechischen Horrorfilm zu machen.“
Emmett zog den Teppich enger um sich. Er sah zuerst Justin an, dann Brian, dann Sebastian, der sich aus allem heraushielt und gerade dadurch gefährlich verständnisvoll wirkte.
„Ich werde mich nicht hinter der Betäubung verstecken, obwohl ich sehr gern einen dramatischen medizinischen Vorwand hätte. Ich war neugierig, ich war geschmeichelt, und ich wollte für eine halbe Stunde nicht der Mann sein, der am Tisch die Koreanerin zu spät verdächtigt hat. Ich habe dich nicht verletzen wollen, aber das ist ein sehr kleines Verdienst, Justin, wenn man bedenkt, dass Menschen einander meistens verletzen, weil sie nur an sich denken.“
Justin atmete aus.
Draußen schlug der Wind gegen die Kapellentür. Die Kerzen zuckten, Sebastian blieb gelassen. Vielleicht hatte ein Heiliger, der mit Pfeilen lebte, weniger Geduld für Männer, die schon im Wind wankten.

„Ich weiß nicht, ob ich wütend bin, Brian, oder ob ich nur müde bin, dauernd modern genug sein zu müssen, um dich auszuhalten. Ich habe dich nicht geliebt, weil du einfach wärst, und ich habe mich selbst oft genug in Freiheit verliebt, wenn sie eigentlich nur ein hübscheres Wort für Chaos war. Aber ich will nicht, dass ein frisch bezogenes Bett entscheidet, ob etwas wirklich passiert ist, und ich will auch nicht, dass Emmett sich in seinem Teppich auflöst, nur weil du schlecht schläfst.“


Brian sah Justin lange an.
Dann nickte er.
„Das ist fairer, als ich verdiene, und gefährlicher, weil ich damit weniger anfangen kann als mit einer Ohrfeige oder einem Schierlingsbecher aus deiner Hand. Ich will dir nicht versprechen, ein Mann zu werden, der vor jeder Katastrophe brav fragt, ob sie in unsere Beziehung oder deine Vorstellung davon passt. Aber ich kann dir versprechen, dass ich mich nicht von einem gelben Zimmer oder meinem eigenen schlechten Umgang mit gelber Angst aus der bunten Verantwortung putzen lasse.“
Emmett hob vorsichtig die Hand, nicht ganz wie im Unterricht, eher wie jemand, der anklopft, bevor er sein eigenes Schuldbekenntnis betritt.

 

„Ich möchte bitte hinzufügen, dass Gelb nicht meine Vorteilsfarbe ist. Ich habe eine Grenze überschritten, und selbst wenn eure Grenzen komplizierter sind als ein normaler Stadtplan, hätte ich nicht so tun dürfen, als sei Kompliziertheit dasselbe wie schuldbefreite Einladung. Justin, ich schulde dir eine Entschuldigung, und ich schulde mir selbst die Einsicht, dass gelbe Neugier kein bunt-moralisches Schutzschild ist.“
Justin sah ihn an. Sein Gesicht war ruhig, aber nicht gelb. Das war schlimmer für Emmett, weil es trotz des Kerzenlichtes bleich blieb.
„Danke. Ich nehme die Entschuldigung an, aber ich verspreche dir keinen sofort bekleideten Blick beim Frühstück. Du bist mein Freund, Emmett, und vielleicht ist das gerade der Grund, warum wir bei der Rückfahrt im Boot nicht nebeneinander sitzen können; fremde Menschen können einen selten so präzise enttäuschen wie Menschen, denen man vertraut.“


Brian verzog kurz den Mund.


„Ich hasse es, wenn du erwachsener klingst, als du bist. Es ist für die Werbung sehr schlecht. Außerdem stehe ich nackt vor Sebastian, während mein Freund und mein Freund mit Teppich einen moralischen Vertrag aushandeln; das ist selbst für Pittsburgh eine ambitionierte Nacht.“

Justin blickte wieder zum Heiligen. Dann, ganz langsam, kam ein kleines Lächeln.
„Du hast doch diesen Auftrag in Tarifa. Der Club am Gezeitenkraftwerk, die gläsernen Wände, die wabernde Ökomusik, die reichen Leute mit nackten Schultern und grünem Geschmack, der sich für destillierte Befreiung hält. Du hast mir davon erzählt, als wäre es Arbeit, aber in Wahrheit hast du geglänzt, weil du eine Kampagne für Menschen machen darfst, die gleichzeitig sündigen und dabei photographiert werden wollen.“
Brian hob eine Augenbraue.
„Tarifa ist ein seriöser Auftrag. Ein neuer Club, ein internationales Publikum, Strand, Wind, Körper, Licht, teure Getränke und die übliche Behauptung, dass jeder Mensch dort seine Seele findet, solange er vorher auf eine sehr hochpreisige Gästeliste gehüpft ist. Ich gebe zu, dass das für dich nach langweiliger Kommerzialhölle klingt, aber es ist eine ökotrophe Hölle mit hervorragender Sonne und sehr vermarktbaren Nachhaltigkeitsfehlern.“

Emmett sah zwischen beiden hin und her. Etwas in ihm richtete sich auf, noch bevor er es verhindern konnte.
„Tarifa hat Wind, Meer und eitle Menschen, die glauben, Selbsterkenntnis sei ein Accessoire. Das klingt nach genau dem Ort, an dem Justin malen, Brian verkaufen und ich verhindern könnte, dass alle bloß Gelb tragen, weil sie sich für vergoldet halten. Ich sage nicht, dass ein spanischer Club am Meer unsere Probleme löst, aber ich sage, dass Probleme mit Sonnenlicht, falschen Sonnenbrillen und guten Cocktails manchmal ehrlicher aussehen. Ich werde ein Buffet kuratieren.“
Justin sah Emmett an, diesmal mit weniger Härte.


„Ich brauche Sonne. Nicht als Heilmittel, nicht als Postkarte, sondern weil ich seit Jilib und dieser Nacht zu viel Schwarz-Gelb im Kopf habe: schwarzes Riff, schwarzes Tuch, schwarzer Teppich, schwarzer Fleck, der wieder verschwindet, gelbe Leintücher, gelbe Pölster, gelbe Lampenschirme: wie in einem Biene Maja-Albtraum. Ich brauche schlechte Entscheidungen, die nicht sofort vergilbt werden, und eitle Menschen, die wenigstens wissen, dass sie gelb und geldgierig sind.“
Brian schnaubte leise.

„Das ist vielleicht die schönste Definition meiner Zielgruppe, die je jemand formuliert hat. Schlechte Entscheidungen, die nicht sofort tödlich werden, sind die Grundlage jeder erfolgreichen Clubkampagne. Und eitle Menschen mit Gelberkenntnis sind selten, aber wenn man sie findet, zahlen sie für gelbes Licht und behaupten danach, sie hätten sich selbst entblättert.“
Emmett legte eine Hand auf die Brust, wobei der Teppich gefährlich rutschte und von Brian reflexhaft festgehalten wurde.
„Dann komme ich mit, falls ich darf. Ich werde nicht so tun, als sei Tarifa Buße, denn Buße mit Strandbar ist nicht im Sinne des heiligen Sebastian. Aber ich kann nützlich sein: Ich kenne eitle Menschen, ich liebe ungelbes Licht jeder Art, und ich kann einem Club beibringen, dass Glamour nicht nur aus nackter Haut besteht, sondern aus dem Moment, in dem jemand weiß, wie lächerlich er ist, und trotzdem tanzt.“

 

Justin sah zu Brian. Brian verspeiste Justins Augen mit Blicken diesmal.
Zwischen ihnen lag noch immer das gelbe Zimmer. Es war nicht weg, nicht verziehen, nicht hübsch gemacht. Aber es war nicht mehr der einzige Raum. Tarifa erschien daneben wie ein begrünter Schnitt in der Nacht: Wind an der Straße von Gibraltar, Fähren nach Marokko, Neon über Sand, Musik, die nicht wusste, wie sie den Lärm der Gezeiten übertönen könnte.
„Ich komme mit“, sagte Justin. „Ich komme nicht, weil alles gut ist, und auch nicht, weil ich vergessen will, was ich gehört habe. Ich komme, weil ich nicht zulassen will, dass diese Insel das gelbe Bild dieser Nacht bleibt, und weil du, Brian, unter Sonne weniger gut lügen kannst als unter gelben Lampen.“
Brian nickte, und in seinem Gesicht bewegte sich etwas, das bei einem anderen Mann vielleicht Demut geheißen hätte. Bei Brian war es eher die Bereitschaft, eine Niederlage ohne sofortige Gegenkampagne zu überleben.
„Dann kommen wir nach Tarifa. Ich mache meinen Job, du malst, Emmett rettet eitle Menschen vor Gelb, und wir versuchen, die dummen Entscheidungen auf jene zu beschränken, die man morgens noch weitererzählen kann. Mehr verspreche ich nicht, weil große Versprechen in Kapellen meistens schlecht altern. Ich werde in Spanien jeden Tag Sex haben - und es liegt an dir, ob du dabei sein willst oder nicht, das verspreche ich dir vor dem heiligen Sebastian, sonst mögen mich alle seine Pfeile durchbohren zur Strafe.“


Emmett sah zu Sebastian hinauf.


„Ich glaube, der Heilige billigt das. Er wirkt wie jemand, der über Körper, Eitelkeit und Schmerz mehr weiß, als ihm seine Verehrer zugestehen. Außerdem steht er seit Jahrhunderten halbnackt herum und hat trotzdem Würde; das sollte uns allen Mut machen.“

Brian sah ebenfalls hinauf.
„Sebastian verzeiht den Eitlen. Das ist offizielle katholische Lehre, aber ich würde dafür auch eine sehr gute säkulare Kampagne schreiben können. Pfeile, Licht, Körper, Schmerz, Erlösung durch perfekte Zielgruppenansprache.“
Justin lachte leise.

Es war nicht viel. Aber nach dieser Nacht war ein Lachen, das niemanden verletzte, fast ein Wunder.
Justin trat näher an Brian heran. Nicht in eine Umarmung, nicht als Vergebung mit Körperkontakt, sondern als Entscheidung, neben ihm zu stehen. Emmett blieb auf der anderen Seite, nah genug, um nicht verbannt zu sein, weit genug, um zu begreifen, dass Nähe nach dieser Nacht neu verdient werden musste.
Vor Sebastian, dem schönen Verletzten, entwarfen sie keine Zukunft, die rein war.
Nur eine, die Sonne hatte.

Tarifa. Wind. Clublicht. Marokko als verheißungsvolle Linie jenseits des Wassers. Brian mit einem Auftrag, Justin mit Skizzen, Emmett mit Farben, die jeden Club in ökologische Regenbögen verwirbelten. Gelbe Entscheidungen in gegenseitiger Offenheit, hoffentlich ohne Tote. Eitle Menschen, die vielleicht genug Geld besaßen, um eine bessere Zukunft zu kaufen und dabei teure Limonencocktails zu schlürfen.

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