Kapitel 7: Smaragdgrün und falsche Nähe

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Das Eisballett unten läuft weiter. Debussy, kaltes Licht, perfekte Formationen. Die Menge liebt es, weil niemand dabei blutet und es trotzdem nach Prestige aussieht. In der VIP-Lounge wird die erste Unruhe des Abends inzwischen so professionell bewirtet, dass sie fast wieder wie ein Konzept wirkt.
Ein PR-MITARBEITER der amerikanischen Delegation führt Shane für einen kurzen Sponsorentermin in die Lounge hinauf.
Shane trägt noch immer den Teammantel offen über dem Dress. Zu sportlich für die Lounge, zu sichtbar für jede Form von Unauffälligkeit. Er sieht aus wie ein Mann, der gelernt hat, sich in fremden Räumen so hinzustellen, als gehöre er dorthin, obwohl er innerlich längst wieder aufs Eis zurückwill. Der PR-Mitarbeiter spricht im Gehen.


PR-MITARBEITER
Zwei Minuten.


Ein Photo mit dem dänischen Staatssekretär, ein freundlicher Dank an die Stromberg-Stiftung, ein kurzer Satz zur internationalen Zusammenarbeit zum Schutz der Ozeane. Nichts Politisches, nichts über Energie, nichts über Sowjetunion, nichts über—


SHANE
Also im Grunde nur mein Gesicht.


PR-MITARBEITER
Es ist ein gutes Gesicht. Verschwenden Sie es nicht an Ehrlichkeit.


Shane nickt mit der Routiniertheit eines Mannes, der diesen Satz in wechselnden Versionen seit Jahren hört. Am Ende der Treppe bleibt der PR-Mitarbeiter kurz stehen, weil ein Photograf und ein Sponsor gerade die Laufwege blockieren.
Dieser kleine Stau reicht.
Anya tritt aus einer Seitenachse der Lounge in Shanes Weg. Nicht aufdringlich. Nur präzise genug, dass aus Zufall sofort Geometrie wird.
Sie trägt noch immer das dunkle Grün, das sich unter dem kalten Lounge-Licht fast schwarz färbt. Keine Hast. Kein Lächeln, das mehr verspricht, als es liefern will. Nur genau jene kontrollierte Anziehungskraft, mit der Frauen wie sie seit Jahren von Männern unterschätzt werden, die glauben, sie hätten gerade Glück. Shane sieht sie an. Freundlich genug. Etwas schüchtern.


ANYA
Herr Hollander.


SHANE
Sie kennen mich? Und wer sind Sie? Die dänische Staatssekretärin?


ANYA
Eine Nachbarin.


Er sieht kurz auf ihr Glas. Keins. Dann auf die Lounge. Dann zurück zu ihr.


SHANE
Dafür haben Sie einen ziemlich weiten Vorgarten.


Ein feiner Zug um Anyas Mund. Fast ein Lächeln.


ANYA
Kopenhagen ist klein. Man trifft sich leichter, wenn andere Menschen viel Geld ausgeben.


Sie steht nah genug, um als Flirt lesbar zu sein. Nicht nah genug, um unklug zu wirken.


ANYA
Ich wollte Ihnen gratulieren. Sie sehen aus, als langweile Sie dieser Abend nur knapp unter professionellem Niveau.

Möglicherweise kann ich Ihnen, nachdem Sie Ihre Pflichtphotos gemacht haben, in der Nachbarschaft etwas Entspannenderes zeigen.


SHANE
Das ist…sehr freundlich, aber…


ANYA
Und ich dachte, US-Amerikaner genießen es, wenn man sie feiert.


SHANE
Ja, aber…


Der PR-Mitarbeiter ist noch immer zwei Schritte entfernt in einem Gesprächsstau gefangen und tut demonstrativ so, als sehe er diese Begegnung nicht.
Anya entscheidet sich für die weichere Methode.


ANYA
Dann frage ich eben anders. Ist Dänemark erträglicher, wenn man so aussieht wie Sie?


Shane antwortet ohne jede erkennbare Eitelkeit.


SHANE
Nein. Nur sichtbarer.


Das ist nicht kokett gemeint. Eher als nüchterne Feststellung. Anya merkt es. Er gehört nicht zu jenen Männern, die man mit ihrem Spiegelbild schneller macht. Sie versucht es dennoch ein Stück weiter. Nicht aus Hoffnung. Aus Vollständigkeit.


ANYA
Das überrascht mich. Normalerweise werde ich in Räumen wie diesem schneller interessant gefunden.


SHANE
Sie sind interessant, aber ich bin nicht interessiert. Es war ein anstrengendes Spiel und mein Trainer sagt immer…


Ein kurzer Schlag Stille. Nicht unhöflich. Nicht charmant. Nur erstaunlich unempfänglich. Anya registriert ihn sauber. Falscher Hebel. Sie wechselt in derselben Sekunde die Methode, ohne dass der Ton sichtbar kippt. Sie vermeidet alles, was ihn bedrängt oder sich unwohl fühlen läßt.


ANYA
Tragen Sie immer Geschenke von fremden Männern in Ihrer Manteltasche, oder war das dänische Gastfreundschaft?


Sie deutet sanft auf seine Jackentasche. Shanes Blick verändert sich nur minimal. Zu wenig für Panik. Genug für Aufmerksamkeit.


SHANE
Fremde Männer? Sie beobachten Leute sehr genau.


ANYA
Nur wenn sie beobachtet werden sollten.


SHANE
Von Ihnen?


ANYA
Heute Abend von mehreren Seiten, fürchte ich.


Shane lehnt sich mit einer Schulter leicht gegen die Glaswand der seitlichen Barzone. Eine Stellung, die lässig aussehen soll und in Wahrheit Zeit kauft. Und kurz schmerzt, weil es die Verletzung aus Illinois kurz antriggert. Er löst sich von der Wand.
Unten auf dem Eis hebt der Applaus gerade an, als ein Paar den nächsten Sprung sauber landet.


SHANE
Und welche Seite sind Sie?


ANYA
Die höflichere.


Sie lässt den Satz stehen. Dann sieht sie kurz hinunter aufs Eis, wo auf der Gegenseite Ilya an der Bande steht und nach oben blickt, nicht hoch genug, um verräterisch zu wirken, aber hoch genug, um nicht zufällig zu sein. er tippt etwas in sein Telephon. Anya merkt eine leichte Vibration in Shanes Hosentasche. Anya sieht zurück zu Shane.


ANYA
Verhandeln Sie inzwischen mit Rozanov?


Shane hebt eine Augenbraue.


SHANE
Über was?


ANYA
Geschenke? Loyalität? Das Übliche zwischen zwei Männern, die sich auf Eis schlimmer benehmen als Diplomaten am Verhandlungstisch.


Shane lässt den Blick für einen Moment an ihr vorbei auf die Lounge schweifen, als wolle er prüfen, ob dieser Abend irgendwo unauffälliger geworden ist oder wie er flüchten könne, ohne peinlich zu wirken.


SHANE
Sollte ich das?


ANYA
Nicht mit ihm. Wenn es um Sowjetunion geht, vertrete ich mein Land besser als ein Hockeyspieler.


Das ist der erste Satz, in dem der Witz offen genug mitgeht, um als Angebot zu funktionieren. Shane sieht sie verwirrt an. Diesmal fast ehrlich eingeschüchtert. Fast.


SHANE
Das glaube ich sofort. Aber ich weiß nicht, was verkauft wird. Also kann ich nicht verhandeln. Da müssten Sie meine Mutter fragen. Alle Werbeaufträge oder Gastauftritte regelt sie für mich.


Eine Sekunde lang huscht ein Lächeln über Anyas Gesicht. 


ANYA
Vielleicht tragen Sie es längst bei sich.


Shane antwortet nicht sofort. Er könnte jetzt wegwitzeln. Tut er nicht.


SHANE
Ich weiß nicht, was Sie meinen.


ANYA
Welche wären die richtigen?


SHANE
Warum sind in Dänemark zu viele Leute zu freundlich zu mir, beschenken mich oder wollen mich in die „Nachbarschaft“ einladen?


Anya sieht ihn einen Moment zu lang an. Nicht flirtend jetzt. Prüfend.


ANYA
Sie sind naiver, als die Kamera behauptet.


SHANE
Die Kamera lügt beruflich.


Von unten kommt wieder Applaus. Debussy endet. Die Menge liebt jede Form von Schönheit, solange sie synchron ist. Der PR-Mitarbeiter hat den Weg nun frei und tritt an Shane heran.


PR-MITARBEITER
Da sind Sie ja. Herr Hollander, wir müssen jetzt wirklich—


Er sieht Anya, erkennt internationales Kapital, gute Schultern und potenzielles Risiko in einem Blick.


PR-MITARBEITER
Madame Amasowa.


ANYA
Keine Sorge. Ich wollte Ihren Starspieler nicht für Sowjetunion kaufen.


Der PR-Mitarbeiter lacht zu höflich, weil er nicht weiß, ob er das darf. Shane erstarrt bei der Erwähnung von „Sowjetunion“.


SHANE
Sie sind Russin?


Anyas Blick bleibt ruhig. Shane versucht, nicht an Ilya zu denken, fasst sich aber unwillkürlich an das Mobiltelephon, auf dem es noch eine ungelesene Nachricht gibt, sicher von unten.


ANYA
Sie haben ja schon Herrn Rozanov kennengelernt, unten, auf dem Eis. Sowjetunion hat viele Facetten. Für manche Männer zahlt man nicht. Man wartet nur, wem sie am Ende gehören.


Das ist hart genug, um zu testen, ob er darauf reflexhaft reagiert. Tut er nicht. Stattdessen:


SHANE
Dann warten Sie heute Abend wahrscheinlich ziemlich lange.


Zum ersten Mal ist Anya wirklich, wenn auch nur minimal, überrascht. Nicht gekränkt. Belustigt. Sie tritt einen halben Schritt zurück und gibt den Weg frei.


ANYA
Versuchen Sie nicht, Karls Hand zu schütteln, er mag das nicht.


Der PR-Mitarbeiter trippelt ungeduldig.


PR-MITARBEITER
Herr Hollander—


SHANE
Ja, ja. Internationale Zusammenarbeit. Ich komme schon.


Shane geht mit dem PR-Mitarbeiter weiter Richtung Sponsorenwand. Er dreht sich nicht noch einmal um. Nicht aus Coolness. Eher wie jemand, der entschieden hat, dass diese Frau gefährlicher ist, wenn man ihr zusätzliche Höflichkeit schenkt. Wenn Sowjetunion so ist, wie er befürchtet, ist Sie möglicherweise für Ilya eine Gefahr, keine Verbündete.
Anya sieht ihm nach. Unten auf dem Eis löst sich die Formation. Die Tänzer verbeugen sich. Das Publikum applaudiert. Die Pause zwischen Kunst und Spiel schließt sich wieder. Anya bleibt allein in der seitlichen Barzone stehen, nur so lang, bis sie aus dem Gespräch drei saubere Dinge extrahiert hat:
Shane wusste nicht, was Lind ihm gab.
Er weiß inzwischen, dass es wichtig ist.
Und der direkte Weg zu ihm führt nicht über weibliche Reize.
Ihr Blick geht nach unten. Zur sowjetischen Bank. Zu Ilya, der inzwischen wieder auf sein Telephon sieht, dann kurz zur us-amerikanischen Seite, dann weg. Dort liegt der brauchbarere Hebel. Anya wendet sich ab und geht. Nicht schneller als vorher. Nur endgültiger.
Hinter ihr beginnt die Lounge bereits wieder so zu tun, als sei ein Abend mit Sponsoren, Eisballett und verschwundenen Physikern eine völlig normale europäische Gesellschaftsveranstaltung.

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