Das Eisballett ist zu Ende. Unten wird das Eis für den sportlichen Teil neu aufbereitet: Als Nächstes wird Eisstockschießen auf Modell von besonders aparten Plastikmüllskulpturen geboten, die von Mitarbeitern auf dem Eis platziert werden. Oben in der Lounge hat sich die Menge in jene etwas zu lockere Bewegung gelöst, mit der wohlhabende Menschen nach Kultur sofort wieder zu Verhandlungen zurückfinden.
Entlang einer langen, weiß beleuchteten Buffetinsel liegen Dinge, die teuer aussehen sollen, auch wenn sie kalt sind: Scampi auf Crushed Ice, glänzende Kaviarschalen, kleine Brote in exakter Geometrie, Schalen mit Dillcreme, geschnitzte Radieschen, Limettenscheiben wie Dekoration — und in der Mitte mehrere Platten mit dünn aufgeschnittenem Lachs, so perfekt angerichtet, als sei selbst der dänische Fisch in Gala gelegt worden.
SHANE entkommt mit sichtbarer Erleichterung seinem Sponsorentermin und steuert nicht etwa auf Gespräche, sondern direkt aufs Buffet zu. Nicht aus Gier. Eher mit der nüchternen Einsicht eines Mannes, der weiß, dass man bei Wohltätigkeitsabenden besser etwas isst, bevor die nächste Hälfte des Abends beschließt, einen erneut auszustellen. Von der anderen Seite kommt zielstrebig Ilya.
Ebenso wenig an Gesellschaft interessiert. Ebenso entschlossen, sich für einen Moment lieber mit etwas Essbarem als mit Menschen zu befassen. Beide greifen im selben Augenblick nach demselben schmalen Silberheber unter derselben Lachsreihe. Ein kurzer Stillstand. Shane sieht erst auf die Zange. Dann zu Ilya.
SHANE
Natürlich.
Ilya läßt den Heber nicht los.
ILYA
US-Amerikaner halten auch Buffets offenbar für ihr natürliches Einflussgebiet.
SHANE
Nur die Atlantikseite, soweit die UNESCO das zuläßt.
ILYA
Das hier ist Lachs. Nicht Island.
Shane zieht den Heber einen Zentimeter zu sich.
Ilya hält dagegen.
Nicht ernst. Nicht ganz.
Nur lang genug, dass zwei ältere Sponsorenfrauen in ihrer Nähe kurz herübersehen und sich dann sehr bewusst wieder einander zuwenden, damit der Abend sozial intakt bleibt.
SHANE
Wir könnten auch beide so tun, als wären wir erwachsen.
ILYA
Zu spät. Wir tragen Schlittschuhe für Geld.
Shane läßt los.
Ilya hebt mit einem kaum sichtbaren Siegesschatten im Gesicht zwei Scheiben Lachs auf seinen Teller. Dann schiebt er den Heber mit unerwarteter Großzügigkeit zurück.
ILYA
Nimm. Heute bin ich diplomatisch.
SHANE
Ist das die russische Version von Waffenstillstand?
ILYA
Nein. Das ist die sowjetische Version von: du siehst aus, als hättest du seit Illinois nichts Vernünftiges gegessen.
Shane sieht ihn einen Moment an. Da ist das alte gemeinsame Wissen kurz da und sofort wieder sauber verpackt. Er nimmt sich ebenfalls Lachs.
SHANE
Romantisch.
ILYA
Beschwer dich nicht! Es ist das Netteste, was ich heute sagen werde.
Beide stehen jetzt nebeneinander am Buffet, jeder mit Teller, beide offiziell beschäftigt genug, dass ein kurzes Gespräch gesellschaftlich unschuldig wirkt. Unter ihnen sieht man durch das Glas das neu geglättete Eis. Shane nimmt ein Stück Brot, zu beiläufig. Ilya eine Limettenscheibe, die er als Ganzes in den Mund schiebt.
SHANE
Kennst du die Frau in Grün?
Ilya sieht nicht sofort zu ihm. Schneidet den Lachs mit zu viel Konzentration, um zu verraten, dass ihn die Frage interessiert.
ILYA
Welche von den dreißig?
SHANE
Die, die aussieht, als würde sie ein Land beleidigen können, ohne die Stimme zu heben.
Ein winziger Zug um Ilyas Mund. Er weiß sofort, wen Shane meint.
ILYA
Nein.
Dann, mit absichtlich stumpfer Männlichkeit:
ILYA
Wenn du willst, kann ich sie kennenlernen und dir nachher davon erzählen.
Shane verdreht genervt die Augen, aber mit ein bisschen zu viel Eifersucht, als dass Ilya es lustig nehmen würde.
ILYA
Unser Manager hat gesagt, dass sie von Rosatom kommt. Das ist die staatliche Atomenergiebehörde in der russischen Sowjetrepublik bei uns. Aber ich würde sie nicht ablehnen. Bei dem Aussehen. Und weil sie Russin ist. Man soll die Heimat schließlich unterstützen.
Shane dreht den Kopf zu ihm.
SHANE
Das ist der dümmste Satz, den ich heute gehört habe.
ILYA
Nein. Heute habe ich einen dänischen Staatssekretär über Ozeanethik sprechen hören.
Shane lacht kurz auf. Nur kurz.
SHANE
Du weißt also wirklich nicht mehr darüber, wer sie ist? Sie wollte etwas von mir.
ILYA
Ich weiß, dass sie nicht wegen des Eisballetts hier ist. Und ich weiß, dass du gerade so klingst, als hättest du lieber einen Gegner, der offen auf dich zufährt.
Shane sticht mit der Gabel in den Lachs, als hätte der Fisch ihm persönlich organisatorische Probleme bereitet.
SHANE
Sie wollte mit mir verhandeln.
ILYA
Über was? Dein Gesicht? Deine Staatsangehörigkeit? Die Rechte an deiner Langeweile?
SHANE
Deine nicht-langweilige Sowjetunion.
Jetzt sieht Ilya ihn doch an. Nicht alarmiert. Nur wacher.
ILYA
Und? Hast du verkauft?
SHANE
Meine Mutter macht die Verträge.
Das ist trocken genug, dass Ilya wieder fast lächeln muß. Fast.
ILYA
Vernünftig. Mütter und Geheimdienste sind ungefähr gleich gefährlich. Nur Mütter rufen öfter zurück.
Ilya spricht sonst nie über Mütter, weil er seine verloren hat. Das signalisiert Shane, dass hier etwas nicht stimmt. Shane sieht auf seinen Teller, dann hinunter aufs Eis, dann kurz quer durch die Lounge Richtung Anya, die demonstrativ mit einer älteren Sponsorin spricht und dann eine gezierte Visitenkarte überreicht.
SHANE
Sie wusste von dem Puck, den mir dieser dänische Trottel geschenkt hat.
Ilyas Blick bleibt ruhig, aber die Aufmerksamkeit darin wird schärfer.
ILYA
Dann war es kein Geschenk. Obwohl ich weiß, dass du es magst, wenn fremde Männer dir etwas einstecken.
Shane schaut, ob niemand nahe genug beim Lachs steht, um zuzuhören.
SHANE
Das hab sogar ich gemerkt.
ILYA
Glückwunsch.
Ein Kellner schiebt sich zwischen zwei Sponsoren durch. Gläser klirren leise. Eine Frau im Perlenkragen fragt nach mehr Dillcreme, als hinge die Stabilität Europas davon ab. Shane senkt die Stimme.
SHANE
Wenn sie Russin ist — und du nicht weißt, wer sie ist — ist das beruhigend oder schlecht?
ILYA
Beides.
Shane nickt, als hätte er genau diese nutzlose Antwort erwartet.
Dann bemerkt er etwas über Ilyas Schulter hinweg.
Anya kommt näher, betont zufällig nach einem Teller für das Buffet suchend. Nicht schnell. Nur mit dieser exakt dosierten Geradlinigkeit, die verrät, dass sie ihr Ziel bereits gefunden hat. Ihr Blick geht erst zu Shane. Dann zu Ilya.
Dann zu dem Umstand, dass beide mit Tellern am selben Buffet stehen, als sei das hier eine völlig gewöhnliche internationale Ozeansauberkeitsveranstaltung.
Shane folgt ihrem Blick, erstarrt einen halben Augenblick und trifft dann eine Entscheidung mit der Geschwindigkeit eines Mannes, der auf dem Eis von Instinkt lebt.
SHANE
Ich muss weg.
Er stellt den halbgefüllten Teller ab und geht schnurstracks Richtung Toiletten. Ilya sieht auf den Teller.
ILYA
Wohin?
Anya ist jetzt nur noch wenige Schritte entfernt. Ilya sieht Shane nur einen Augenblick nach.
ILYA
US-Amerikaner.
Als Anya bei ihm ankommt, hat Shane den Rückzug bereits vollendet.
ANYA
Hat er Sie gerade mit Fisch sitzenlassen?
Ilya richtet sich auf.
ILYA
Wer? Dieser US-Amerikaner? Er nimmt sich zu viel, und dann lässt er die Hälfte stehen. Typisch kapitalistischer Westen und bourgeoise Dekadenz.
Anya nimmt einen Teller und legt ein Ei und eine Scheibe Lachs darauf, dazu ein kaviarbelegtes Blini.
ANYA
Kennen Sie Herrn Hollander besser?
Ilya nimmt sein Glas Wasser vom Buffet, sieht kurz zu der Stelle, an der Shane verschwunden ist, und dann wieder zu ihr. Jetzt ist das Gespräch offiziell. Und Shane nicht mehr da, um es zu entschärfen.



This is such a beautifully controlled scene the mix of satire, tension, and character voice makes it feel like a sharp political drama unfolding over something as simple as a buffet! are you building this toward a bigger confrontation between Shane, Ilya, and Anya, or is this more about slowly revealing their power dynamics over time?
Hi Heyitsdelores! Thank you for your encouraging comment. This triangle will get rather spicy, but in an unexpected way concerning their different origins. Anya is a most witty spy, using all her talents to achieve her goals (and those of her country), driven by patriotism, loyalty and female empowering; the two hockey players will be no challenge for her, but maybe for themselves ;-)