Die VIP-Lounge liegt über der Arena wie die architektonische Behauptung, dass Geld und Glas jede Form von Kälte in Geschmack verwandeln können.
Unter einer langen Front aus Panoramascheiben sieht man Eiskunstläufer zu Debussys Sacre du printemps ihre Formationen formen. Drinnen: gedämpftes Licht, helle Hölzer, kalte Metalle, schmale Sessel, Stehtische mit exakt ausgerichteten Wodkagläsern Gläsern, und jene Art von diskreter Bedienung, die jeden Skandal zunächst wie Service aussehen lässt.
Aus versteckten Lautsprechern wird die perfekte Orchestermusik aus der Halle herein übertragen.
Signe Ravn bewegt sich durch den Raum.
Nicht eilig. Nicht langsam. Mit der Präzision einer Frau, die sehr genau weiß, welcher Satz wann wohin gehört, damit aus einem Problem keine Meldung wird. Sie bleibt bei zwei älteren Sponsorinnen stehen, beide in teuerem Grau, beide mit dem Blick von Frauen, die lange genug auf Empfängen gelebt haben, um die kleine Unruhe in der Luft nicht nur zu riechen, sondern auch zu bepreisen.
SPONSORIN 1
Man sagte uns unten, ein Wissenschaftler sei abhandengekommen.
Signe nimmt ihr ein halb geleertes Glas ab, stellt es auf das Tablett eines vorbeikommenden Kellners und ersetzt es mit einer frischen Wodkavariante, so kalt wie das Eisweiß ihres Kostüms.
SIGNE
Dr. Lind ist nicht abhandengekommen. Er ist nur im falschen Teil des Abends gelandet. Das kommt bei technisch begabten Menschen gelegentlich vor.
Die Sponsorin lächelt erleichtert, nicht weil sie es glaubt, sondern weil die Form stimmt.
SPONSORIN 2
Dann ist also alles in Ordnung?
SIGNE
Für Menschen mit Einladungskarte: ja.
Sie lässt die beiden stehen, ohne unhöflich zu sein.
Am hinteren Ende der Lounge sitzt KARL in einer leicht abgesenkten, fast logenartigen Nische mit Blick auf Eis und Wasser zugleich. Zwei ältere Damen mit Korallen- und Perlenschmuck sitzen in seiner Nähe; niemand spricht laut. Stromberg wirkt nicht wie ein Gastgeber, der bewirtet. Eher wie ein Mann, für den Gastgebersein nur eine Form der Statik ist. Er beobachtet nicht die Eiskunstläufer. Er beobachtet, welche Menschen in dieser Lounge zu oft zur Tür sehen. Ein junger dänischer Staatssekretär beugt sich zu ihm.
STAATSSEKRETÄR
Die Presse fragt bereits, ob Dr. Lind seine Förderzusage heute noch öffentlich erhalten wird.
Stromberg sieht weiter auf das Eis.
STROMBERG
Dann sagen Sie der Presse, Wissenschaft sei ein langsameres Theater als Sport. Es ist MEIN Geld, das ich spende, Ich entscheide, ob es ein Dr. Lind oder die ozeanophile Reinigungskraft dieser Eishalle erhält.
STAATSSEKRETÄR
Und wenn sie nachfragen?
STROMBERG
Nach dem Eisballett!
Der Staatssekretär nickt mit der Erleichterung eines Mannes, der sich soeben einen Satz leihen durfte, der mehr kostet als sein Jahresgehalt.
An einer der Glasfronten steht Claudia mit einem schmalen Glas Wasser, das sie nicht trinkt.
Von hier oben sieht sie die Arena und deren Spiegelung zugleich. Das gefällt ihr nicht. Spiegelungen machen Räume unzuverlässig. Monitore auch. Menschen in dieser Lounge erst recht.
Ein Hotelmitarbeiter nähert sich ihr mit professioneller Behutsamkeit.
HOTELMITARBEITER
Dr. Tiedemann, Frau Ravn lässt ausrichten, dass die Gespräche zur technischen Kooperation nach dem Eisballett beginnen können.
CLAUDIA
Sagt sie auch, wo ihr Physiker ist?
Der Mann lächelt den Satz weg.
HOTELMITARBEITER
Sie lässt ausrichten, dass alles unter Kontrolle ist.
CLAUDIA
Dann hat sie entweder schlechte Informationen oder einen zu weiten Begriff von Kontrolle.
Der Hotelmitarbeiter entscheidet sich gegen jede weitere Form von Beteiligung und zieht sich zurück. Claudia sieht wieder hinaus aufs Eis. Unten an der amerikanischen Bank sitzt Shane gerade und schaut von seinem Mobiltelephon gelangweilt auf das Eisballett. Ein Trainer sagt etwas, ein Assistent hält ihm eine Flasche hin, ein Kameraobjektiv findet ihn sofort wieder. Selbst von hier oben sieht man, wie sichtbar sein Beruf ihn gemacht hat. Er aber starrt auf den leeren Bildschirm, als erwarte er dringend eine Nachricht.
Am anderen Ende der Lounge betritt Anya den Raum. Nicht mehr als gesellschaftliche Erscheinung, sondern als Frau, die ihre Route gewählt hat. Sie nimmt sich diesmal kein Glas. Ihre Aufmerksamkeit liegt nicht bei den Sponsoren und auch nicht bei Stromberg. Zuerst bei der us-amerikanischen Bank. Dann bei Shane. Dann bei Signe. Dann bei der Tür zum inneren Korridor. Sie rechnet.
Ein Servierender mit Tablett kommt ihr beinahe in den Weg.
SERVIERENDER
Wodka? Grog? Etwas Wärmeres?
ANYA
Informationen.
Er lächelt unsicher, als sei das ein Witz für Menschen mit besserem Akzent. Sie geht weiter. Signe sieht sie kommen und fängt sie ab, bevor Anya den Raum tiefer schneiden kann.
SIGNE
Frau Amasowa. Ich hoffe, die Lounge entspricht eher Ihrem Abend als unser Korridor.
ANYA
Ihr Korridor war informativer.
Signe nimmt das ohne jede Reaktion hin.
SIGNE
Dann hat er seinen Zweck ja übererfüllt.
ANYA
Ein Physiker verschwindet in einem verglasten Gang, Ihre Kameras liefern keine brauchbare Erklärung, und Sie nennen das einen Zweck?
SIGNE
Ich nenne es einen internen Vorgang. Sie müssen nicht wissen, was unsere Kameras sehen und was nicht. Es hier um Geschäft, nicht um Fernsehen. Sie sind heute Abend Gast.
ANYA
Rosatom bezahlt nicht dafür, Gast zu sein.
Signe schenkt ihr die Art Blick, die höflich bleibt, solange sie nicht widersprochen wird.
SIGNE
Heute Abend schon. 200 000 Rubel für eine Eintrittskarte in diese Lounge, wenn ich daran erinnern darf. Alles zum Wohl der Ozeane.
Ein kleiner Stillstand zwischen ihnen.
Keine Feindschaft, die man sehen könnte. Nur zwei Frauen, die beide wissen, dass das Wort Zuständigkeit oft nur die dekorativere Form von Macht ist. Anya lässt den Blick über Signe hinweg kurz auf die Arena fallen. Unten steht Shane wieder. Diesmal am Rand der Box, das Gewicht leicht auf eine Seite verlagert, die Hand für einen Moment an der Manteltasche, in der der schwarze Puck liegt. Fast unmerklich. Für Anya reicht es: er hat ihn noch.
SIGNE
Falls Sie konkrete geschäftliche Anliegen haben, sprechen wir, sobald die gegrillten Scampi serviert werden. Falls Sie heute Abend nur neugierig sind, empfehle ich den Blick aufs Eis. Dafür wurde diese Lounge gebaut und das Wasser unten gefroren.
ANYA
Und wofür wurde der Rest gebaut?
Signe lächelt. Fast.
SIGNE
Damit Menschen oben vergessen, was unten Strom kostet.
Sie geht weiter, bevor aus dem Gespräch etwas wird, das Zuhörer später erinnern könnten.
Anya bleibt stehen. Nicht beleidigt. Nur neu sortierend. Signe bestätigt nichts. Aber sie dementiert auch nicht das Richtige.
Vom Rand der Lounge aus beobachtet Claudia dieses Gespräch. Nicht Worte. Gewichte. Blickrichtungen. Wer wann auf welche Tür, welche Box, welche Person sieht. Sie tritt näher an die Scheibe. Unten auf dem Eis springen zwei Tänzerinnen in perfekter Synchronisation einen dreifachen Corti. Die Menge reagiert mit tosendem Applaus. Claudia sieht nicht die Kunst. Sie sieht, das zwei Menschen mit erschreckender Synchronizität dasselbe tun und dennoch wie gespiegelt nicht identisch sind.
Neben ihr taucht Anya auf, ohne anzukündigen, dass sie sich dazugesellt. Beide sehen nach unten. Für einen Moment sagt keine von beiden etwas. Dann:
ANYA
Glauben Sie, Dr. Lind wurde entführt, damit ich nicht kaufen kann, was er anbieten wollte?
Claudia antwortet erst nach einem Augenblick.
CLAUDIA
Nein. Ravn würde ihn hierher zwingen, wenn sie ihn hätte. Wenn Sie ihn nicht haben, ist er nicht auf dem Weg in die Sowjetunion. Und von den Briten oder Japanern habe ich hier noch niemanden gesehen, nur den Strohmann Valé aus der Schweiz, aber der kauft für alle und verkauft an alle.
ANYA
Sie sind sicher?
CLAUDIA
Nicht in allem. Darin ja. Lind wollte mich hier haben, er hat mir das Ticket besorgt, damit ich etwas von ihm entsorge. Diskret. Und nicht in die Ozeane, weil Stromberg sonst seine Ruhe verliert und ihn den Haien vorwirft, wie er gesagt hat.
Anya nimmt das zur Kenntnis. Kein Vertrauen. Nur ein brauchbarer Befund.
ANYA
Dann ist er entweder dumm oder praktisch.
CLAUDIA
Oder sichtbar. Das genügt oft.
Anya sieht weiter auf Shane hinunter.
Unten lacht er bemüht über etwas, das ein Mitspieler sagt. Nicht entspannt. Nur trainiert genug, um Kameras keine Stille zu schenken.
ANYA
Sichtbare Männer halten sich gern für geschützt. Warum haben Sie Magnus mitgenommen? Und warum sitzt er auf unserer Seite?
Sie deutet kurz in die Richtung des SBP-Zuschauersektors, wo jetzt brasilianisch gekleidete Tänzerinnen Ananascocktails verteilen.
CLAUDIA
Ich habe ihn nicht mitgenommen. Ich dachte, Sie hätten ihn eingeladen. Und ich bin erstaunt, dass Sie ihn kennen.
Anya wendet den Kopf ein Stück zu ihr.
ANYA
Ich versuche, gut informiert zu sein. Sind Sie wegen des Physikers hier oder wegen dessen, was er gebaut hat?
CLAUDIA
Wegen dessen, was nicht hätte gebaut werden dürfen. Es hinterlässt mehr als Kälte - manches kann ich entsorgen, anderes könnte ich nicht einmal aufhalten oder bremsen. Was hat ihre Firma Ihnen gesagt, was es sei?
Anya antwortet darauf nicht. Sie sieht nur wieder hinaus.
Auf der Gegenseite des Eises, nahe der sowjetischen Bank, steht Ilya im nächsten Wechselraum. Er wirkt auf den ersten Blick beim Ballett. Beim zweiten nicht ganz. Sein Blick geht einmal quer über das Eis. Zu Shane. Nicht lang. Nicht offen. Aber ohne Zweifel bewusst. Dann schreibt er etwas in sein Mobiltelephon. Anya registriert es mit sofortiger Nüchternheit. Sekunden später liest Shane etwas auf seinem Mobiltelephon. Kein Klatsch. Kein moralischer Reflex. Nur Struktur. Das ist kein Zufall. Sie sieht hinunter auf Shane. Dann zu Ilya. Dann zurück.
ANYA
Interessant.
CLAUDIA
Was? Eine Dilatation?
ANYA
Nichts für Ihr Labor. Entsorgen Sie, was Sie müssen, aber stellen Sie sich nicht in meinen Weg. Sie kennen die Aristotelische Ursachenlehre: Sie wollen nicht, dass ich zur Wirkursache ihres vorzeitigen Endes werde.
Sie lässt Claudia stehen und geht. Nicht zu Signe. Nicht zu Stromberg. Zur Treppe hinunter, die sie näher an die Mannschaftsbereiche bringt.
Claudia sieht ihr nach, ohne sie aufhalten zu wollen. Sie versteht nicht genau, was Anya gerade verstanden hat. Nur, dass es nichts Beruhigendes ist.
Am Rand der Lounge spricht Signe inzwischen mit zwei Journalisten, die glauben, sie bekämen ein Exklusivzitat.
JOURNALIST
Ist Dr. Lind noch im Haus?
SIGNE
Dr. Lind ist Teil eines sehr ambitionierten technischen Programms. Und ambitionierte Programme haben leider die Angewohnheit, Zeitpläne unhöflich zu behandeln. es ist besser, er rettet die Ozeane vor Plastik als den Wodka hier davor, dass er zu warm wird, oder?
Die Journalisten lachen. Schreiben es auf. Sind für zwanzig Minuten entschärft. Stromberg hebt in seiner Nische nur minimal den Kopf und sieht zu Signe hinüber. Dann zu Anya, die die Lounge verlässt. Dann zu Claudia an der Scheibe. Nicht besorgt. Nur rechnend. Unten auf dem Eis geht das Ballett weiter. Oben in der Lounge hat sich der Abend neu sortiert: Signe verwaltet das Bild. Claudia verfolgt den Fehler. Anya verfolgt den Träger. Und Shane weiß noch immer nicht, dass er gerade der nützlichste Mensch im Gebäude geworden ist.


